Analogfotografie
In den Anfangszeiten von Instagram war es üblich, Schnappschüsse mit starken, nostalgischen Filtern zu versehen. Auch wenn dieser Trend inzwischen abgeklungen ist, kehren Fotografen zunehmend zur analogen Fotografie zurück. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Sicherlich spielt auch der allgemeine Trend zu einer Art „Digital Detox“ eine Rolle, durch den analoge Medienformate wie Schallplatten und – ich wage es kaum zu sagen – gedruckte Bücher wiederbelebt werden.
Ich persönlich habe es schon immer gemocht, meinen digitalen Bildern Presets zu verpassen, die den Look alter Filmmaterialien nachahmen, und diese anschließend weiter anzupassen. Daher schien es nur ein natürlicher Schritt zu sein, zurück zu den „Grundlagen“ zu gehen und das Fotografieren mit 35-mm-Film auszuprobieren. Kodak Gold 100 findet sich überraschenderweise sogar noch regelmäßig in der örtlichen Drogerie. Fachgeschäfte für Fotografie haben sicherlich eine größere Auswahl, und natürlich lässt sich vieles auch online bestellen. Generell wird Film wieder leichter erhältlich, und alte Kameras sind einfach zu finden. Beides sorgt dafür, dass die Einstiegshürden relativ niedrig sind. Unter diesen Voraussetzungen sind für mich die wichtigsten Gründe für die Renaissance der analogen Fotografie: Einfachheit, niedrige Kosten, Ästhetik und der Überraschungsfaktor.
Einfachheit
Obwohl Smartphones den Kameraherstellern einen Teil ihrer Verkaufszahlen streitig machen, besteht weiterhin ein hoher Wettbewerbsdruck, immer mehr Funktionen und Features in Digitalkameras zu packen. Ich würde behaupten, dass einige dieser Verbesserungen zwar durchaus hilfreich und für bestimmte Fotografen und deren spezielle Anwendungsfälle relevant sind, die zusätzlichen Funktionen für die große Mehrheit jedoch nicht automatisch zu besseren Fotos führen.
Oft wirkt das Kameramenü wie ein Labyrinth. Neue Funktionen bedeuten mehr Optionen, mehr Optionen bedeuten mehr Einstellungen, und mehr Einstellungen bedeuten wiederum mehr Zeit, die man damit verbringt, seine Kamera kennenzulernen – und möglicherweise mehr Herumgefummel, während der perfekte Moment bereits an einem vorbeizieht.
Natürlich gibt es auch eine Reihe von Filmkameras mit allerlei Extras, doch im Allgemeinen verfügen sie über weniger Funktionen und sind einfacher zu bedienen. Es heißt oft, beim Fotografieren gehe es darum, die Kamera möglichst „aus dem Weg zu bekommen“. In diesem Sinne bieten analoge Kameras eine größere Einfachheit und einen kürzeren Weg zu diesem Ziel.
Oft kann es befreiender sein, innerhalb klarer Grenzen zu arbeiten, als unendlich viele Möglichkeiten zur Verfügung zu haben. Ein häufig genanntes Beispiel dafür ist der Film Der weiße Hai (Jaws), der Musik und einfache Andeutungen nutzte, um Angst und Unbehagen hervorzurufen, anstatt endlose Unterwasserszenen und ebenso endlose – und teure – animatronische Hai-Attacken auf Boote zu zeigen. Könnt ihr euch Der weiße Hai mit einem riesigen Budget vorstellen? Sharknado. Ganz genau. Aber ich schweife ab.
Je nach Kamera habt ihr möglicherweise nicht einmal einen Belichtungsmesser. In diesem Fall könnt ihr einen externen Belichtungsmesser verwenden oder euch einfach an die „Sunny 16“-Regel halten, um die richtige Belichtung zu bestimmen. Da der ISO-Wert durch den eingelegten Film vorgegeben ist, könnt ihr lediglich Blende, Fokus und Verschlusszeit einstellen – und … das war’s. Kein Weißabgleich, kein Belichtungsmessmodus, keine Gesichts- oder Augenerkennung. Nichts. Nada.
Es ist günstig(er), fast!
Eine gebrauchte Leica M6 kann zwar ein kleines Vermögen kosten, doch die meisten Menschen sind froh, wenn sie eine alte Filmkamera nicht wegwerfen müssen, und viele Modelle lassen sich sehr günstig kaufen. Eine einigermaßen aktuelle Digitalkamera mit ein paar zusätzlichen Objektiven kostet dagegen schnell einen vierstelligen Betrag.
Aber was ist mit dem Film? Natürlich summieren sich theoretisch die Kosten für jede Filmrolle und deren Entwicklung. Doch auch digitale Speichermedien kosten Geld. Speicherkarten, externe Festplatten, Backup-Systeme, Cloud-Speicher und Ähnliches sind schließlich ebenfalls nicht kostenlos.
Für den Beginn meiner analogen Reise kaufte ich eine einfache Kamera, die in den 1960er-Jahren in Ostdeutschland gebaut wurde: die Exa Ia. Ein befreundeter Fotografie-Enthusiast hatte sie mir empfohlen, und sie kostete gerade einmal 35 Euro.
Die Kamera besitzt nicht besonders viele Knöpfe oder Einstellräder: manueller Fokus, Verschlusszeit, Blende – fertig. Nichts funktioniert automatisch. Selbst das Zurückspulen des Films geschieht von Hand.
Aber genau darin liegt auch ihr Reiz. Es hat etwas ungemein Befriedigendes, den Klang eines echten mechanischen Verschlusses zu hören und anschließend den Film zum nächsten Bild weiterzuspulen. Die Kamera ist sehr einfach, gleichzeitig aber hervorragend verarbeitet. Ich brauchte ein paar Anläufe, doch schließlich fand ich ein sehr gut gepflegtes Exemplar in ausgezeichnetem Zustand.
Obwohl die Kamera so simpel aufgebaut ist und ich mit ISO 100 fotografierte, erwiesen sich Kamera und Film gemeinsam als erstaunlich fehlertolerant. Ich hatte damit gerechnet, dass meine Bilder entweder komplett schwarz oder komplett weiß sein würden – also massiv über- oder unterbelichtet. Schließlich kann man ein Foto nicht direkt kontrollieren, sondern muss erst 35 weitere Bilder aufnehmen und anschließend den gesamten Film entwickeln lassen.
Eine Hochzeit, bei der sogar eine alte Dampflok für den Transport von der Kirche zur Feier eingesetzt wurde, erschien mir als idealer Ort für einen ersten Test. Unten findet ihr einige der Aufnahmen – darunter auch ein Foto, das zeigt, dass Film bei schlechten Lichtverhältnissen weniger verzeihend sein kann.
Die Ästhetik
Es gibt unzählige Möglichkeiten, den Look bestimmter Filmtypen digital nachzuahmen und gleichzeitig die Vorteile der digitalen Bildbearbeitung zu behalten. Die Möglichkeiten reichen von Presets auf dem Desktop-Computer bis hin zu Apps auf dem Smartphone.
Darüber hinaus lassen sich typische Unvollkommenheiten von Film hinzufügen – etwa Lichteinfall, Staub, Kratzer und Ähnliches. Wenn ich ganz ehrlich bin, sehen diese nachträglich hinzugefügten Effekte für mich aber auch genau danach aus: nachträglich hinzugefügt.
Ich weiß nicht, ob es am Glas der alten Objektive liegt, am natürlichen Filmkorn oder an der Art und Konsistenz der Farben, aber ich finde, dass sich der analoge „Look“ nur schwer reproduzieren lässt. Andererseits habe ich vielleicht auch schon digitale Bilder gesehen, die ich fälschlicherweise für analoge Aufnahmen gehalten habe. Trotzdem bilde ich mir gerne ein, dass ich den Unterschied erkennen kann.
Eine Doppelbelichtung direkt in der Kamera zu erzeugen ist einfach nicht dasselbe, wie zwei Bilder später in Photoshop miteinander zu verschmelzen.
Wie dem auch sei: Die Ästhetik verschiedener Filmsorten ist einzigartig und ausgesprochen vielfältig. Wer mehr Kontrolle haben und seine analoge Fotografie auf die nächste Stufe bringen möchte, kann sich in die Dunkelkammer wagen und Techniken wie Push- und Pull-Entwicklung einsetzen, um möglichst viel aus seinen 36 Aufnahmen herauszuholen.
Ich selbst habe mich allerdings noch nicht daran gewagt, meine Filme eigenständig zu entwickeln – bislang bringe ich sie weiterhin zu Fotolaboren in meiner Umgebung.
Auch Sofortbildfilm besitzt eine ganz eigene Ästhetik und erlebt derzeit ein Comeback. In letzter Zeit wird viel darüber gesprochen – unter anderem aus den Gründen, die ich bereits zu Beginn dieses Artikels erwähnt habe.
Es hat einfach etwas Besonderes und Wertvolles, ein echtes, physisches Foto in den Händen zu halten. Vielleicht liegt das auch an der begrenzten Anzahl solcher Abzüge – im Gegensatz zu den Tausenden von Bildern und Videos, die wir auf unseren Smartphones mit uns herumtragen.
Der Überraschungsfaktor
Ähnlich wie bei der bewussten Entscheidung, einen Teil der Kontrolle aufzugeben und sich stärker auf den kreativen Aspekt der Fotografie zu konzentrieren, ist auch der Überraschungsfaktor momentan etwas, das vor allem die analoge Fotografie auszeichnet.
Dabei kommt einem sofort Lomography in den Sinn. Deren Kameras verzichten bewusst auf zahlreiche Einstellungen und setzen stattdessen auf Eigenschaften, die normalerweise als Fehler oder Unvollkommenheiten gelten würden. Die daraus entstehenden Bilder sind häufig übersättigt, verwackelt oder unscharf und können noch eine ganze Reihe weiterer ungewöhnlicher oder irritierender Eigenschaften aufweisen.
Wer den Zufall besonders gerne herausfordert, kann sogar vorbelichteten Film kaufen, um ganz bewusst Lichteinfälle und ungewöhnliche Farben in seine Fotos zu bringen.
Generell führt das Fehlen einer unmittelbaren Rückmeldung – also die Tatsache, dass man seine vorherigen Aufnahmen nicht sofort ansehen und analysieren kann – zu einer besonderen Vorfreude. Wenn man schließlich die entwickelten Ergebnisse sieht, entsteht ein Überraschungsmoment, den die digitale Fotografie in dieser Form kaum bieten kann.
Ich sehe keinen Grund, mich selbst entweder als analogen oder als digitalen Fotografen zu definieren. Letztendlich interessiert mich das fertige Bild. Welche Kamera ich dafür verwende, hängt davon ab, was ich einfangen und was ich damit ausdrücken möchte.
Trotzdem kann ich es kaum erwarten, noch einige weitere neue – beziehungsweise alte – Filmsorten auszuprobieren und die Ergebnisse hier zu teilen.